Lässig in Leer: Was hinter den Kulissen eines Wingenfelder-Open Airs passiert

„Nee, jetzt hör ich gar nichts mehr. Jetzt bräzt das weg. Keine Mandoline mehr, nichts.“ Kai Wingenfelder schaut erst zu seinem Bandkollegen Robbie, dann zu den Tontechnikern Steffen und Martin, die vis à vis zur großen Bühne in einem kleinen Zelt konzentriert an den Einstellungen für klare Beats und prägnanten Gesang schrauben. Es ist Sonntag, 14.30 Uhr, ich stehe im Innenhof der Jugendherberge Leer. Es herrscht fokussierte Arbeitsatmosphäre – nicht nur beim Soundcheck auf der Bühne.

Auch am Getränkestand, im Orgabüro des OLB MUSIK-CAMP-Teams, in der Küche der Jugendherberge und im Zimmer Nummer 30, das heute Setting für Interviews ist. Die Stimmung: unaufgeregt. Es ist nichts mehr zu spüren vom Sturm des Wettertiefs „Juli“, der hier am Vorabend gewütet hat. Noch nichts zu ahnen vom Sturm der Begeisterung, den die Wingenfelder und Daniel Wirtz bei ihrem gemeinsamen Konzert in einigen Stunden auslösen werden. Alle Beteiligten wissen, was ihre Aufgabe ist. Und von der lassen sie sich nicht aus der Ruhe bringen.

Hand aufs Herz: Ich hatte Hektik bei meiner Ankunft in Leer erwartet. Spätestens nachdem ich bei Facebook gelesen hatte, dass am Abend vorher ein Unwetter über die Jugendherberge Leer hinweggefegt ist, durch das innerhalb weniger Minuten einige Teile des technischen Band-Equipments für das nur 30 Minuten später geplante Newcomer-Konzert beschädigt und Zelte durch die Luft gewirbelt wurden. Aber nein! Niemand, der mir begegnet, wirkt gestresst.

Ich beobachte Kai und Thorsten Wingenfelder, wie sie mit ihren Bandkollegen Volker, Fabian und Robbie den Soloteil des heutigen Open Airs proben. Es wird geschmunzelt, wenn Volker Rechin das Geschehen als Donald Duck-Imitator kommentiert, skeptisch die Stirn gerunzelt, wenn die Höhen noch nicht so klingen, wie sie sollen. Es erklingen die bekannten Zeilen von „Hey Cowboy“, die mittendrin abbrechen und kurze Zeit wieder erklingen.

Ich bin nicht der einzige Zaungast an diesem Nachmittag. Immer wieder halten Passanten und Fahrradfahrer, die in der Altstadt von Leer unterwegs sind, an der Jugendherberge an. Wippen mit dem Fuß, machen ein Foto mit ihrem Handy. Ich komme kurz mit einer alten Dame ins Gespräch, die sich als Anwohnerin entpuppt: „Ich wohne auf der Rückseite der Jugendherberge und der Wind hat schon viele Töne rübergeweht. Ich wollte jetzt mal hören, wie das von vorn klingt.“

Face to Face mit den Fans

Die direkte Nähe zum Publikum – seit jeher gehört sie zu den OLB-MUSIK-CAMP-Konzerten dazu. Ob Bosse im Speisesaal der Jugendherberge Worpswede oder Pohlmann zwischen Geldautomaten in einer OLB-Filiale: bei den Gigs erlebt man die Künstler nicht über eine Leinwand, sondern kann genau sehen, wie Finger die Gitarrenseiten greifen und Schweißperlen auf der Stirn glänzen. Es ist daher keine Überraschung, dass die Straße vor der Jugendherberge Leer beim Soundcheck noch nicht komplett gesperrt ist, sondern Passanten in den unvorhergesehenen Genuss kommen, die Wingenfelder bei der musikalischen Arbeit zu beobachten.

Paula, Dirk und Anja, eine Familie aus Rheine, stehen allerdings nicht zufällig mit ihren Freunden Udo und Ulrike an der Jugendherberge Leer. Sie sind langjährige Fans der Wingenfelder und wollen an diesem Tag soviel wie möglich von ihren Idolen mitbekommen. Wie weit die Begeisterung von Dirk geht, ist nicht zu übersehen, jedenfalls nicht, wenn er ein T-Shirt an hat: Auf seinem rechten Unterarm trägt er ein Tattoo, dass zwei gespiegelte W zeigt.

Das Wingenfelder-Zeichen. „Das Tattoo hat sogar Thorsten schon entdeckt, als wir uns mal bei einem Konzert unterhalten haben“, berichtet Dirk. „Fand er voll gut. So gut, dass er das unbedingt zusammen mit seinem eigenen Tattoo auf dem Unterarm fotografieren wollte.“ Paula, Dirks Teenager-Tochter zückt ihr Smartphone, scrollt durch ihre Foto-Mediathek und zeigt mir die Aufnahme. „Unperfekt“ steht auf dem Unterarm von Thorsten Wingenfelder. Die erste Silbe „un“ ist rot durchgestrichen.

Paulas eigenes Fan-Heiligtum: eine große gelbe Ente mit allen Unterschriften der Band. Und die Nachrichten, die sie mit Kai Wingenfelder austauscht, wie sie mir berichtet. „Ich melde mich zum Beispiel bei ihm, wenn wir wissen, dass wir auf ein Konzert gehen. Und er antwortet dann auch immer.“

Ich laufe in den Seitentrakt des historischen Jugendherbergsgebäudes. Gleich rechts finde ich das Organisationsbüro. Gesa Hauschild, Jan Pecher und Janina Goedeke kontrollieren zwischen Handkassen, Plakaten und Powerbank fürs Handy gerade die Gästeliste und besprechen die Einlasssituation. Auf dem Boden liegen Gastropavillions. „Marcus Heisterkamp, unser Regionalleiter, ist gestern sofort, als das Unwetter vorbei war, in den Baumarkt gedüst und hat neue Pavillions besorgt. Eine halbe Stunde später wären die schon geschlossen gewesen.“ Warum die alten nicht mehr zu retten waren, verstehe ich sofort, als mir Jan auf seinem Handy ein Video vom Vorabend zeigt. Ich sehe eine Bild der Verwüstung. Nichts steht mehr da, wo es hingehört, alles ist nass und grau. „Das waren nur wenige Minuten, in denen die Aufbauarbeit von zwei Tagen zerstört wurde.“

Kamera läuft!

Im Raum nebenan strahlt mir ein helles Licht entgegen. Ich sehe einen Kameraufbau, ein Mikrofon – das muss der Interviewraum sein. Und tatsächlich versteckt sich ganz hinten im Zimmer Tobias Meyer, der für die inhaltliche Vorbereitung der Videoreihe „Oben oder unten?“ zuständig ist. Ein Interviewformat, bei dem Freunde, Förderer und MitarbeiterInnen der Jugendherbergen zwischen Nordsee und Sauerland Entscheidungsfreudigkeit beweisen müssen. Tobias Meyer versteht es nämlich, auf unterhaltsame Weise Fragen zu stellen, auf die es nur zwei persönliche Antworten gibt. Und für eine davon müssen sich die Gesprächspartner entscheiden. „Wenn Du noch einmal spielen würdest: bei Dortmund oder Schalke?“ wurde beispielsweise jüngst Christoph Metzelder gefragt. Seine Antwort gibt´s bei Youtube.

Heute sind gleich vier Interviews geplant: eines mit Thorsten Wingenfelder, eines mit DJH-Azubi Tobi, eines mit der Leerer Betriebsleiterin Janina und eines mit Daniel Wirtz. Apropos, wo ist der eigentlich, frage ich mich mit Blick auf die Uhr. Es ist 16 Uhr, um 19.30 Uhr startet die Show. Meine Frage wird im gleichen Moment beantwortet, als ich sie mir stelle. „Marcus ist wieder da“, ruft Jan über den Flur. Wir gehen gemeinsam raus und Jan verrät mir dabei, dass Marcus Heisterkamp an diesem Wochenende nicht nur Baumarkt-Genie, sondern auch Fahrdienst für Daniel Wirtz ist. „Den hat er in Bremen am Bahnhof abgeholt.“

Daniel Wirtz und sein Kollege Pascal Kravetz sehen aus, wie man sich Künstler so vorstellt: bunt, alternativ, ein bißchen crazy. Küsschen links, Küsschen recht, Worte zum Warmwerden. Die beiden haben gute Laune und sind tiefenentspannt – bevor es zum Soundcheck geht, werden stylische Sommerschuhe getauscht und fotografiert. Dann aber geht es ab auf die Bühne. Und als würden sie nie etwas anderes gemacht haben als zusammen Songs zu performen, legen die Wingenfelder, Daniel und Pascal mit ihrem Probedurchlauf los. Ein im wahrsten Sinne des Wortes eingespieltes Team, obwohl es ihr erstes gemeinsames Konzert ist.

Gegen 17 Uhr ist der Soundcheck vorbei. Zweieinhalb Stunden Verschnaufpause. Eigentlich. Denn zunächst einmal werden die treu wartenden Fans begrüßt. Selfies geschossen. Genetzwerkt. Und dann wartet da ja noch Tobias mit seinen Interviewfragen. Thorsten Wingenfelder ist der erste, der Farbe bekennen muss: „Lieber große Bühne oder kleiner Club? Lieber Studioaufnahmen mit großen Namen oder Nachwuchsförderung mit aufstrebenden Talenten? Im Stockbett lieber oben oder unten“?“

Eine halbe Stunde lang antwortet der jüngere der Wingenfelder-Brüder und erzählt außerdem von großen Momenten auf kleinen Konzerten, von Musik als Handwerksberuf und von der wohltuenden Kraft Südtirols. Anschließend geht´s für ihn rüber zum Essen. Jetzt ist Daniel Wirtz dran.

Heyho, let´s go!

Geflügel in Tomaten-Oliven-Sauce, überbackener Spinat, viele Salate und allerlei Gemüse – das Küchenteam der Jugendherberge Leer hat ordentlich gezaubert. Frauenpower war angesagt, denn Küchenchef Stefan Wolters kann an diesem Tag wegen Krankheit nicht dabei sein. „Ich habe ehrlich gesagt kaum ein Auge zugetan heute Nacht“, verrät mir Lidia Svatenko, die daher heute für das Abendessen und später für die Versorgung der Gäste die Verantwortung trägt. „Es soll ja schließlich alles klappen.“

Das tut es. Alle verlassen gestärkt den Speisesaal, Pascal genehmigt sich kurz vor Auftritt noch eine der ersten Bratwürste, die auf dem Grill liegen. Die Security-Mitarbeiter sind inzwischen eingetroffen, haben die Straße gesperrt und vier Sicherheitsgitter vor der Bühne platziert. Dort stehen nur wenige Minuten nach dem Einlass auch schon die ersten Fans. Nach und nach kommen die restlichen der insgesamt 500 Zuschauer dazu. Auch sie sind vor allem eins: entspannt. Niemand drängelt in der Schlange am Getränkestand, niemand ist deutlich lauter als der Rest, niemand hat es eilig.

19.30 Uhr. „Heyho, let´s go!“ steht auf dem Monitor, den die Wingenfelder gleich vor ihren Füßen auf der Bühne stehen haben. Die Band, sie steht noch hinter der Bühne, bildet einen Kreis. Jedes Bandmitglied liegt seinem Vordermann die rechte Hand auf die Schulter, die linken Hände werden in der Mitte des Kreises zusammengelegt. Dann dreht sich der Kreis. Motivierende Worte und Schulterklopfen. „Auf geht´s. Das wird gut.“ Marcus Heisterkamp begrüßt von der Bühne aus das Publikum. Die Wingenfelder stehen jetzt direkt vor der kleinen Treppe, die sie gleich hinauflaufen werden. Thorsten klatscht noch kurz mit seinem Sohn ab. Unaufgeregt? Nein, in den letzten Minuten vor dem Konzert sind sie es nicht.

Am 24.11. gibt es noch einmal die Chance, im Rahmen des OLB MUSIK-CAMPS 2018 die Wingenfelder und Gäste live zu erleben. In der Jugendherberge Meppen findet um 19.30 Uhr das letzte der diesjährigen Konzerte statt. Karten gibt es hier: Tickets OLB MUSIK-CAMP NORDWEST 

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